Experten zum Thema Nachhaltigkeit

Johann Peter Schomisch von Ecopell über nachhaltige Lederherstellung

Herr Schomisch, könnten Sie einen kurzen Einblick in die Lederproduktion geben?

Zu allererst gibt es die Produktion mit Chemikalien und die ohne chemische Zusatzstoffe. Wir bei Ecopell verwenden keine Konservierungsmittel wie Polyurethan (PU) zur Haltbarmachung des Leders nach dem Gerbe- bzw. Färbungsprozess. In herkömmlichen Gerbereien werden Konservierungsstoffe verwendet, um die Farbe im Leder zu festigen, das Leder wasserabweisend zu machen und Komplikationen in der Oberflächenstruktur des Leders zu vermeiden. Wir gehen einen anderen Weg. Die grundlegende Eigenschaft von Ecopell-Leder ist seine Naturbelassenheit. Die Poren des Leders sind offen, weshalb das Leder atmungsaktiv bleibt. Da unser Leder ein Naturprodukt ist, ist es nicht plastifiziert. Natürlich können ohne finale Bearbeitung gewisse Einbußen in der Qualität entstehen, was zum Beispiel die Farbechtheit und gleichmäßige Lederstruktur betrifft, die bei vegetabilem Leder viel geringer ausfällt. Im Möbelbusiness etwa, wo Leder für Sofas oder Sessel verwendet wird und konstantem Sonnenlicht ausgesetzt ist, kann es vorkommen, dass das Leder seine Farbechtheit verliert. Zusätzlich können Temperatur- und Luftunterschiede kombiniert mit in Wandfarben vorkommenden Lösungsmitteln der Lederstruktur Schaden zufügen.

Sie haben die zahlreichen Herausforderungen der natürlichen Lederproduktion beschrieben. Wie funktioniert der Herstellungsprozess natürlichen Leders genau?

Wenn wir in der Zeit zurückreisen, wurde Leder geschichtlich betrachtet in Gruben mithilfe von Baumrinden über Monate hinweg gegerbt. In Teilen Marokkos wird das heute noch so gemacht. Schon damals gab es Probleme mit der Abholzung der Eichenwälder, da man eine große Menge an Baumrinde für die Gerbung der Häute benötigte.

Sie dürfen außerdem nicht vergessen, dass das Gerberei-Geschäft schon immer ein schmutziges war. Im tatsächlichen Sinne des Wortes. Gerbereien lagen weit weg von Ballungsräumen oder Städten, um den schrecklichen Gestank nicht unter die Menschen zu bringen und die Probleme der Wasserverunreinigung so erträglich wie möglich zu machen. Mit dem heutigen Wissen und modernen Chemikalien hält sich die Geruchsbelästigung im Rahmen. Das Problem mit der Verschmutzung ist nach wie vor existent, wenn nicht sogar noch schlimmer als damals. Sogar in der Produktion unseres Ecopell-Leders, das zur Gänze mit biologischen, pflanzlichen Bestandteilen (Tara, Mimosa, Valonea) behandelt wird, kommen wir nicht ohne chemische Substanzen aus. Um mit konventionellen Gerbereien mitzuhalten und die benötigte Menge an Häuten in der vorgegebenen Zeit zu verarbeiten, verwenden wir Glutaraldehyd. Das ist eine chemische Substanz zur Vorgerbung und Verkürzung des Gerbungsvorgangs, die hochgiftig ist und gleichsam schlecht für Mensch und Umwelt ist. Dennoch kann sie zur Hilfenahme von Bakterien auf Wasserbasis zu 100 Prozent abgebaut werden und hinterlässt dadurch keinerlei schädliche Spuren im Leder. Trotzdem versuchen wir neue Mittel und Wege zu finden. Eine natürliche Alternative stellt ein Extrakt dar, das aus den Blättern von Olivenbäumen gewonnen wird. Eine großartige Lösung, die momentan jedoch noch zu kostenintensiv ist.

Könnten Sie genauer auf die Substanzen eingehen, die Sie für den Gerbungsprozess verwenden?

Es gibt drei verschiedene Typen von Gerbungen. Das red-tanning oder vegetabile Gerben, dann den wet-white-Prozess (Alaungerbung mit Aluminiumsulfat) und schließlich den wet-blue-Prozess (Chrom III Salze). Die zwei letzteren Prozesse benötigen Schwermetalle, die, sofern sie nicht in Rezykliersystemen korrekt eingesetzt werden, der Umwelt großen Schaden zufügen. Für Ecopell-Leder verwenden wir folgende Pflanzenextrakte: Tara (Samen aus Peru), Valonea (Samen, Verwendung der Schale), Rhabarber (Gemüsepflanze) und Mimose (Rinde). All diese Substanzen sind ökologisch abbaubar und wachsen jedes Jahr nach. Sogar das Abwasser, wenn man davon ausgeht, dass keinerlei chemische Substanzen und Salze verwendet wurden, kann als Dünger genutzt werden.

Aber wie ich bereits sagte: Nicht jede natürliche Gerbungssubstanz ist automatisch gut für die Umwelt. Als ein Beispiel ist der Quebracho-Baum aus Süd-Amerika zu nennen. Um die Rinde dieses Baumes zu verwenden, muss Regenwald gerodet werden. Und das ist alles andere als nachhaltig! Aus diesem Grund setzen wir von Ecopell auf nachwachsende Pflanzenextrakte. Zusammenfassend kommt bei uns eine Kombination aus synthetischen Vorgerbungs- und natürlichen Gerbungsprozessen zum Einsatz.

Welchen Temperaturen hält natürliches Leder stand?

Allgemein kann man sagen, dass mit Chrom III gebleichtes Leder bis zu 150 Grad Celsius und pflanzlich gegerbtes Leder zwischen 50 und 70 Grad Celsius übersteht. Ist die Hitze zu groß, bricht das Leder, es verbrennt oder verhärtet sich.

Warum ist chromgegerbtes Leder so bedenklich für Mensch und Umwelt?

Zu diesem Thema wurden viele Studien durchgeführt. Insbesondere was die Entwicklung des hochtoxischen Chrom VI betrifft, das aus Chrom III Salzen entstehen kann. Forschungseinrichtungen wie das Institut Freiberg Sachsen werden staatlich gefördert, um Studien und Vergleiche zwischen mit Chrom und mit wet-white (Aluminiumsulfat) gegerbtem Leder anzustellen. Auch wenn die Ergebnisse meist positiv und ähnlich jenen von pflanzlich gegerbtem Leder ausfallen – meist beinhalten sie weder finale Konservierungsprozesse noch abfallwirtschaftliche Fragen zu mit Schwermetallen gebleichtem Leder. Wenn ich an Chrom VI denke, das durch thermische Prozesse gelöst werden kann, bekomme ich eine Gänsehaut. Chrom VI kann ohne chemische Reduktionsmittel nicht abgebaut werden. Die Förderung von Chrom in Ländern wie bspw. Südafrika kann für die Bergbauarbeiter äußerst gefährlich sein. In Schmelzöfen müssen Chrom III Salze unter hohen Temperaturen vom Eisen getrennt werden. In diesem Prozess kann Chrom VI entstehen und das Leben der Minenarbeiter gefährden. Dem nicht genug haben Gerbereien auf der ganzen Welt große Probleme mit ihrem Abwasser, das mit Schwermetall-Rückständen wie Chrom, Aluminium oder Salzen angereichert ist.

Welche natürlichen und unbedenklichen Färbemittel würden sie für den Gerbungsprozess vorschlagen?

Es gibt viele Möglichkeiten, Leder auf natürliche Weise zu färben. Ein Beispiel dafür ist Eisenoxid, das eine dunkle bräunliche Färbung hat. Obwohl eine natürliche und alltägliche Substanz, wird es nur selten als Färbemittel gebraucht, was am intensiven Eisengeruch, der dunklen Farbe und nicht zuletzt der Steifheit liegt, die einsetzt, wenn das Leder längere Zeit nicht getragen wird. Ein weiteres Beispiel ist Rhabarber. Als Gerbungsmittel reichen die im Prozess entstehenden Farben von Mittel- bis Dunkelbraun. Bei kultiviertem Rhabarber werden zirka 8 – 10% Gerbstoff benötigt. Abfallprodukte des Rhabarbers können als Kraftstoff verwendet werden. Für gewöhnlich braucht der Gerbungsprozess zwei Tage. Meiner Meinung nach ist Rhabarber der Gerbungsprozess der Zukunft. Allein in Deutschland gibt es riesige unkultivierte Rhabarberfelder, die aus landwirtschaftlich bestellten Böden hervorwachsen. Für sein Wachstum braucht Rhabarber Nitrogen und kann auf diesen Ackerflächen angebaut werden, um den Böden ihre natürliche Balance zurückzugeben.

Könnten Sie mir zusammenfassend ein paar Ratschläge hinsichtlich nachhaltig gefertigtes Leder geben?

Einen Rat, den ich Ihnen für ihre berufliche Zukunft mit auf den Weg geben kann, ist, ihren Prinzipien immer treu zu bleiben. Die Menschen haben viele verschiedene Meinungen zur Lederindustrie. Sie werden oft offen kritisiert werden, deshalb müssen Sie stets in das Gute ihres Tuns vertrauen. Es ist wichtig, nicht immer an alles zu glauben, das Experten, Institute oder Politiker sagen oder denken. Sie werden alle von bestimmten Organisationen oder Fördergebern bezahlt; deshalb sind Sie nicht in der Lage, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Ich bin nun seit über 20 Jahren im Geschäft. Ich habe sehr oft harsche Kritik seitens der Lederindustrie bekommen. Sie haben mich für verrückt erklärt, da ich mich bereits in den 80er Jahren gegen die Verwendung von Chrom ausgesprochen habe. Aber langsam haben sie erkannt, dass es vielleicht doch nicht so sinnvoll ist, die Natur auszubeuten und zu verschmutzen. Glauben Sie an die Natur und Sie wird Sie auf ihren Weg begleiten.

Interview: Johann Peter Schomisch, Gründer ecopell GmbH

Mittwoch, 1. April 2015